Mittwoch, 8. Dezember 2010

[Rezension] Tad Williams, Der Drachenbeinthron

Aus dem Amerikanischen von Verena C. Harksen (The Dragonbone Chair. Memory, Sorrow and Thorn 1)
1. Aufl. 2010, 976 Seiten,gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarte, Lesebändchen
ISBN: 978-3-608-93866-1



Inhalt (lt. Klappentext):
Der betagte König Johan liegt im Sterben, und um die Thronfolge entbrennt ein hinterhältiger Kampf unter seinen Söhnen Elias und Josua. Der Küchenjunge Simon, wegen seiner Zerstreutheit auch Mondkalb genannt, gerät mitten in die Auseinandersetzungen um die Herrschaft über Osten Ard. Welche Ziele verfolgen aber die geheimnisvollen Elbenvölker der Nornen und Sithi, denen einst das Land gehörte? 


Rezeption:
Der junge Simon führt ein recht einfaches Leben auf dem Hochhorst. Er wird von den Mägden aufgezogen und hilft in der Küche aus - bis der Hofmagier Morgenes ihn zu seinem Gehilfen macht. Simons Unterricht sieht dort allerdings ganz anders aus, als der Junge sich das vorgestellt hat: Morgenes zeigt ihm keine Magie und spricht auch kaum darüber. Stattdessen bringt er Simon Lesen und Schreiben bei und alles, was er sonst noch für wichtig erachtet.
Frustriert ergibt sich Simon in sein Schicksal, spielt nebenbei mit dem Gedanken, Soldat zu werden und streift ansonsten durch die Gänge der Feste. Es soll allerdings nicht lange dauern, bis er Dinge beobachtet, die ihn tief in politisches Intrigenspiel hineinziehen und ihn letztendlich von seiner Heimat forttreiben. Inzwischen herrscht nämlich Elias als neuer König - und erweist sich als Tyrann. Nur sein Bruder Josua stellt sich ihm noch entgegen - und auf wundersame Weise verweben sich die Schicksale des Küchenjungen und des Prinzen...


Tad Williams fährt in seiner Saga um Osten Ard wirklich alle Geschütze auf. Intrigen, Schicksalsschläge, Drama und Abenteuer ... das und noch mehr findet man in diesem Wälzer.

Wie in der klassischen Fantasy nicht unüblich, führt Williams eine Vielzahl an Charakteren ein. Dabei ist Simon der unbestrittene Protagonist und Held der Geschichte. Er ist zu Beginn noch sehr jung und naiv - gerade erst dabei, erwachsen zu werden. Bisher hat er immer in seiner begrenzten Welt gelebt und nie Grund gehabt, über die Grenzen seines eigenen Lebens hinauszublicken. Beide Elternteile sind tot und die Mägde kümmern sich um den Jungen.
Gerade seine Abenteuerlust zeichnet Simon aus. Er klettert gern auf die Türme des Hochhorstes und malt sich sein Leben als Held aus - wobei er selbst nicht wirklich glaubt, jemals von der Heimat fortzugehen und im Grunde auch keine Ahnung hat, was es heißt, im Krieg zu kämpfen oder ganz auf sich allein gestellt zu sein.
Im Laufe des - ja doch recht langen - ersten Teils der Tetralogie entwickelt Simon sich sichtlich weiter. Seine Fixpunkte (Heimat und Freunde) werden ihm genommen und er muss erkennen, dass Held sein ganz anders ist als er es sich vorgestellt hat. Dabei erkennt er sich noch lange nicht als Held - und der Leser ihn auch nicht - denn er ist immer noch ungeschickt und unerfahren. Dennoch kämpft er sich weiter und entdeckt schließlich, dass mehr in ihm steckt als er dachte.

Ihm zur Seite stehen natürlich einige Gefährten. Zu Beginn wird er vor allem von Morgenes begleitet, der ihn unterrichtet und eine Art Vaterfigur für Simon wird. Viel zu früh muss er sich dann aber von dem Magier trennen und trifft auf den Troll Binabik, der sich zu Simons Beschützer und Begleiter erkoren hat. Gemeinsam mit dem Troll und dessen wölfischem Reittier wird Simon bis zum Ende des ersten Bandes seine Abenteuer erleben.
Zu Josua, dem Prinzen und Bruder des neuen Königs, etabliert er eine gewisse Freundschaft, nachdem Simon ihm das Leben rettet. Der Prinz ist eine sehr starke Figur. Josua möchte nicht König werden, sieht jedoch ein, dass er gegen die Ungerechtigkeit ankämpfen muss, die Elias verübt. Und so muss Josua einen Krieg planen und intrigieren. Auch darin wird Simon miteingebunden - wenn auch nur peripher.
Selbstverständlich gibt es keine Geschichte ohne Liebe oder zumindest romantische Gefühle - die entwickelt Simon nämlich gegenüber eines Mädchens, das ich nicht nennen werde, um nicht einen Teil der Geschichte vorwegzunehmen. Die Romantiker können also beruhigt sein - wenn auch die Liebesgeschichte natürlich nicht im Vordergrund steht - und sich Simon erst einmal bewusst werden muss, was das ist, dass er da empfindet.

Was Osten Ard angeht, so merkt man, dass Williams sich sehr viel Mühe beim Erstellen seiner Fantasie-Welt gegeben hat. Es handelt sich um eine komplexe Welt mit unterschiedlichen Völkern, Bräuchen und Religionen. Die Völker haben ihre eigenen Sagen und Eigenheiten - ganz so, wie es auch in unserer Welt ist.
Dabei stützt sich Williams offensichtlich stark auf das nordische Götterbild und verleiht dem Ganzen damit eine wunderbar mythische Stimmung, die eine Fantasy-Welt meiner Meinung nach auch braucht.
Ein sehr wichtiges Element ist natürlich die Sage um die "Verhängnisvollen Schwerter" - die ist nämlich das Leitmotiv der Tetralogie (sonst würde die Reihe auch kaum "Das Geheimnis der großen Schwerter" oder auf englisch "Memory, Sorrow and Thorn" - das sind die Namen der Schwerter - heißen). In Der Drachenbeinthron wird die Legende erklärt und die Wichtigkeit angedeutet, wirkliche Bedeutung bekommen die Schwerter dann gegen Ende, bzw. im letzten Drittel. Dabei muss angemerkt werden, dass mir diese Legende/ Geschichte/ Sage sehr imponiert, denn unter den Möglichkeiten an magischen Utensilien, sind Schwerter doch recht eindrucksvolle.

Weiters möchte ich noch erwähnen, dass man Der Drachenbeinthron sicherlich nicht schnell durchlesen wird. Es handelt sich hier nicht um kurzweilige Lektüre, sondern um eine durchdachte Geschichte, die auch einiges vom Leser fordert. Auch wenn das zu einer längeren Lesezeit führt, ist es die Geschichte doch wert. Denn was beim Lesen so "aufzuhalten" scheint, spricht für Williams erzählerisches Talent. Besonders beeindruckt war ich davon, dass er es mit einem einfachen Nebensatz schafft, jedem einzelnen Charakter - und mag dieser noch so unwichtig sein - eine eigene Persönlichkeit zu geben, die für Dreidimensionalität in jeder Linie sorgt. Immer wieder wird der Leser darauf aufmerksam gemacht, dass auch Nebencharaktere eine Geschichte haben, auf die immer wieder ein kleiner Blick gewährt wird, ohne sich zu lange mit diesen Figuren aufzuhalten.
Da mir das in dieser ausgeprägten Form noch bei keinem anderen Autoren oder Autorin aufgefallen ist, möchte ich es hier betonen.

Jedem, der sich an dieses Buch heranwagt, den möchte ich zum Durchhalten anregen. Bei einem beinahe tausend Seiten langen Roman sind Längen natürlich vorprogrammiert, doch ich verspreche ein brillantes und fulminantes Ende, das einen mit Euphorie zurücklässt und Lust auf den zweiten Band macht.
Gerade Simon ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihn gerne bald wieder auf seiner Reise begleiten möchte.

Was die Übersetzung angeht, so fallen doch immer wieder kleine Fehler oder unausgereifte Passagen auf (z.B. "meine Entschuldigungen" direkt übernommen von "my apologies", das es so ja im Deutschen nicht gibt). Natürlich kann es auch sein, dass das anderen Lesern nicht oder kaum auffallen wird - meine Skepsis gegenüber Übersetzungen kann man auch gerne als Berufskrankheit ansehen.

Zwar nicht einzigartig, doch dafür umso eindrucksvoller führt Der Drachenbeinthron in die Welt Osten Ards und hinein in große Schicksale und unterschwelig brodelnde Magie. Unbedingt lesenswert, vor allem für High Fantasy-Fans.




Herzlichen Dank an
Klett-Cotta

Kommentare:

  1. Du hast dein Mammut-Projekt geschafft! Gratuliere ;D
    Ich muss ehrlich sein, nachdem ich die Seitenzahl gesehen habe, war das Buch für mich leider schon abgeschrieben. Mir fehlt im Moment einfach die Zeit für 1000-Seiten-Bücher. Da ich aber für Soleils Fantasy-Challange irgendwann noch ein High-Fantasy-Buch brauchen werde (irgendwie fürch ich mich davor, das sind alles SOLCHE Schwarten), werd ich es im Auge behalten. :)

    Ganz viel Spaß mit der Magierdämmerung übrigens! Ich war so dermaßen positiv überrascht von diesem Buch, bin echt gespannt, ob es dir auch so gut gefällt :D

    AntwortenLöschen
  2. Ich muss sagen, wenn dein Herz nicht für High Fantasy schlägt, wirst du wahrscheinlich irgendwann aufgeben - ich steh ja so furchtbar darauf, dass ich auch noch dickere Bücher lese xD (solange alles stimmt).
    High Fantasy gibt es aber auch im schlankeren Format ^^ z.B. "Die Erbin der Welt" (hab ja erwähnt, dass das für diejenigen ist, die keine fetten Wälzer wollen), oder "Die Assassine", oder "Die Diebin" (von T. Fink), auch "Die Sturmkönige" zählt dazu usw, usw... :D

    Ja, auf "Magierdämmerung" freu ich mich auch schon - obwohl ich glaub, ich brauch danach ganz dringen wieder was Anti-Fantasy-mäßiges xD Oder zumindest Conemporary. Immerhin muss ich für die Uni immer wieder anderen Stoff lesen :D

    AntwortenLöschen
  3. Oh Mann, das klingt echt gut! Ich werd's mit Sicherheit im nächsten Jahr auf meine Zu-Lesen-Liste setzen! Lese ja grad nebenbei noch das Schwert der Wahrheit und da hat ein Teil auch mal locker 1000 Seiten. Ich persönlich finde es immer toll, wenn ich weiß, dass ein Buch nicht gleich nach einem Abend schon durchgelesen ist.

    AntwortenLöschen
  4. Das klingt aber wirklich toll :) Die ganze Reihe steht im Bücherregal meiner Mama und nachdem ich schon öfters ein Auge drauf geworfen hatte, werde ich sie nun auf jeden Fall auf meine Leseliste setzen.
    Allerdings wird es wohl ein wenig dauern, bis ich dazu komme, da das Buch ja, wie erwähnt, nicht gerade dünn ist :D
    Aber ich bin schon sehr gespannt darauf und da ich High Fantasy liebe, ist es hoffentlich genau das Richtige für mich.

    AntwortenLöschen
  5. Die Sturmkönige gehören zu High-Fantasy? Dann nehm ich das zurück, ich mags doch ;D
    Die Assassine steht ganz oben auf meiner Liste mit potentiellen Fantasy-Challenge-Büchern :)

    AntwortenLöschen
  6. @JENNYFER: Ich wünsch viel Spaß, wenn du dazu kommst ^^

    @Fani: Das oder Historische - ich hab's ja leider noch nicht gelesen xD Aber Die fließende Königin wär z.B. sicher HF. Ist auch nicht lang :)

    AntwortenLöschen
  7. Ich dachte immer da müsste irgendwan mit großen Schlachten dabei sein ect. Ich hab glaub ich echt eine falsche Vorstellung von High Fantasy. Sehr gut, das macht die Welt besser :D

    Historisch sind die Sturmkönige nicht, ist auf jeden Fall ganz und gar Fantasy. Es steht da zwar eine Jahreszahl soweit ich mich erinnere, aber die Welt der Sturmkönige hat nichts mit der historischen Vergangenheit zu tun :)
    Nur blöd, dass ich sowohl die Sturmkönige als auch Die fließende Königin schon gelesen hab xD Aber momentan liebäugle ich sehr mit der englischen Ausgabe von der Erbin der Welt ^^

    AntwortenLöschen
  8. Zwar hat deine Rezension mich neugierig gemacht, aber ich denke nicht, dass ich mir das Buch holen werde. Erstens weil ich 24,50€ schon viel für ein Buch finde und zweitens, weil mich die 1000 Seiten etwas abschrecken. Dafür habe ich umso mehr Respekt für dich, dass du das geschafft hast :)

    AntwortenLöschen