Dienstag, 31. August 2010

[Rezension] Jennifer Roberson, Die Karawane

Originaltitel: Karavans 1: Karavans
Taschenbuch, Klappenbroschur, 544 Seiten
ISBN: 978-3-442-24944-2
€ 9,95 [D] | € 10,30 [A] | CHF 17,90
Blanvalet


Inhalt (lt. Rückentext):
Die junge Audrun hat es gerade noch geschafft, sich einer Karawane anzuschließen, die sie weg von den brutalen Eroberern bringt, die ihre Heimat angegriffen haben. Jetzt reist sie an den Ort, wo Audrun nach einer mysteriösen Wiessagung ihr Kind zur Welt bringen soll. Doch der Weg der Karawane führt sehr nah an Alisanos vorbei, dem verfluchten Dämonenwald, der sich aus eigener Kraft bewegen kann. Gefährlich nah - oder vielleicht sogar zu nah...?

Zum Buch:
Audrun, Mutter von vier Kindern, hat gemeinsam mit ihrem Ehemann Davyn nur ein Ziel: Fort von der Heimat, die inzwischen Kriegsgebiet ist und an den Ort, an dem ihr fünftes Kind, mit dem sie im fünften Monat schwanger ist, laut Weissagungen geboren werden soll.
Doch der Weg dorthin ist nicht einfach. Um schneller reisen zu können, müssen sie dicht an Alisanos, dem Dämonenwald, vorbei. Und der ist dafür bekannt, Menschen zu verschlingen und zu verändern. Die Familie schließt sich einer Karawane an, doch den gefährlichsten Teil des Weges müssen sie allein zurücklegen. Glücklicherweise erklärt sich der junge Shoia Rhuan bereit, der Familie zu helfen. Schließlich kennt er Alisanos besser als jeder Mensch.

Rezeption:
Ich weiß gar nicht genau, wo ich anfangen soll. Deswegen beginne ich einfach ganz vorne:
Es ist mir nicht leicht gefallen, gleich in die Geschichte hineinzufinden - und das passiert mir wirklich so gut wie nie. Hier lag es zum Großteil daran, dass Roberson mit Perspektivenwechseln nur so um sich wirft, Wörter, Orte und Gebräuche einstreut, von denen der Leser noch gar nichts wissen kann. Das macht es einem nicht gerade einfach. Denn auch wenn sich die Autorin hier eine eigene Welt einfallen hat lassen, muss sie den Lesern doch die Chance geben, sich in das Geschehen hineinzufinden.
Hat man erst einmal die ersten fünfzig Seiten hinter sich gebracht, sollte aber diese Hürde überwunden sein. Ab da kann man sich auf die wichtigen Aspekte konzentrieren und schon zu Beginn ist deutlich geworden, dass diese Geschichte von einer Vielzahl von Charakteren lebt. Allein auf den ersten dreißig Seiten habe ich sieben der wichtigeren Charaktere gezählt... aber auch das beruhigt sich.

Ab einem gewissen Punkt, lassen sich die Charaktere leicht zuordnen und es filtert sich heraus, wer nun wirklich wichtig für die Ereignisse ist. Da wären natürlich Audrun und Rhuan, aber auch dessen (grummeliger) Verwandter Brodhi, die Handleserin Ilona und diverse Quasi-Nebencharaktere wie Bethid (eine Kurierin), Mikal (ein Wirt), Ferize (Brodhis Frau und Dämonin), Audruns Kinder usw., die auch immer mal wieder zu Wort kommen.
Tatsächlich werden die Erzählstränge von Rhuan und Brodhi dominiert, die zwielichtige Gestalten sind. Von ihnen weiß man nicht viel, man erfährt nicht viel (aber doch mehr als die übrigen Charaktere). Die beiden sind keine Menschen, sondern Shoia, wie sie behaupten. Sie verfolgen ganz eigene Rituale und sind auf einer Art Pilger-Reise, die sie in der Welt der Menschen verbringen müssen. Danach soll über sie gerichtet werden und sie haben eine Entscheidung zu fällen - allzu viel erfährt man darüber nicht.
Die beiden Shoia sind außerdem so unterschiedlich, wie es nur geht. Wo Rhuan freundlich ist und versucht, auf die Menschen zuzugehen, ist Brodhi mürrisch und zurückgezogen. Für ihn ist die Reise in der Welt der Menschen unzumutbar, während Rhuan die Menschen wirklich kennen lernen möchte.
Mir war Rhuan von Anfang an sympathisch, denn er hat Humor und eine fröhliche Natur, birgt aber hinter dieser Fassade so einige Geheimnisse. Für Menschen, die er mag, fühlt er sich verpflichtet und vom ersten Moment an entwickelt er auch eine Art Beschützerinstinkt gegenüber der schwangeren Audrun. Er ist freundlich und verständnisvoll gegenüber den Kindern und denkt erst an andere.
Brodhi ist da ein ganz anderes Kaliber, dennoch ein interessanter Charakter. Er ist hochmütig und zeigt das auch gerne. Für das Leiden, die Trauer und überhaupt die Gefühle der Menschen bringt er kein Verständnis auf. Nur gegenüber Ferize zeigt er Emotionen. Seine Herkunft bedeutet für ihn, dass er über den Menschen steht.
Abgesehen von diesen beiden, sind auch die restlichen Charaktere gut ausgearbeitet und besonders positiv überrascht war ich von der eher untypischen Protagonistin. Schließlich ist Audrun nicht irgendeine holde Jungfrau in Nöten oder eine kampferprobte Amazone. Sie ist die fürsorgliche Mutter von vier Kindern, führt ein anständiges Leben mit ihrem Mann und bis zum Krieg hat sie gemeinsam mit ihrer Familie den Bauernhof bestellt. Sie ist eine einfache Frau, der die Familie über alles geht.

Der Handlungsaufbau geschieht nur schleichend - zumindest habe ich nicht viel davon mitbekommen. Zwar wird über die Reise der Karawane berichtet, über Brodhi und dessen Machenschaften und über den Alltag von Audruns Familie, aber so richtig voran will es nicht gehen. Die richtige Action kommt erst auf den letzten hundert Seiten auf. Was nicht heißt, dass es davor langweilig zugehen würde - nur dass sich nicht viel getan hat, merkt man am Ende doch recht stark. Das Ende des ersten Teiles lässt allerdings darauf hoffen, dass es im zweiten gleich zur Sache geht.
Spannungselemente gibt es ein paar, aber wie gesagt, wirklich interessant ist dann das Ende.
Der Erzählstil ist dabei sehr angenehm gewählt, die Perspektivenwechsel sind nicht störend (außer zu Beginn) und alles lässt sich sehr flüssig lesen. Manchmal steht man allerdings ein wenig ahnungslos da, denn Roberson lässt einige Fragen offen.

Schön und wirkungsvoll dargestellt ist der Dämonenwald Alisanos. Ein wenig habe ich mich an den Wald aus den Arthus-Legenden erinnert gefühlt. Alisanos ist als lebendes Wesen dargestellt, unvorstellbar in seiner Macht und unvorhersehbar, was seine Ziele angeht. Der Wald bewegt sich nach vierzigjähriger Ruhe wieder. Man weiß von ihm nur, dass wer sich in ihm verirrt, entweder nie zurückkommt, oder nur so verändert, dass nicht menschliches mehr vorhanden ist.
Dieser urgewaltigen Macht müssen sich Audrun und ihre Familie stellen, auch wenn sie bis zum Schluss nicht wirklich wissen, worauf sie sich einlassen. Auch das wird wohl noch recht interessant werden, bedenkt man, dass der zweite Teil "Im Dämonenwald" genannt worden ist.

"Die Karawane" beginnt etwas holprig, doch hat man sich erst eingelesen, entwickelt es sich zu einer schönen und sehr innovativen Geschichte. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

Zur Autorin:
Jennifer Roberson, geboren 1953, ist Journalistin und Autorin von mehr als 20 Romanen, unter anderem von zwei sehr erfolgreichen Fantasy-Zyklen, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Sie war eng mit Marion Zimmer Bradley befreundet und lebt heute in der Nähe von Phoenix, Arizona, wo sie an einer neuen groß angelegten historischen Fantasy-Saga arbeitet.Jennifer Robersons »Cheysuli«-Saga zählt zu den besten, wichtigsten und originellsten Zyklen der modernen Fantasy.







Herzlichen Dank an
Blanvalet

Kommentare:

  1. Da sehen wir doch nicht etwa ein Buch mal gleich? ;) Ja, ich weiß, ich war etwas strenger und deutlicher in den Dingen, die mich gestört haben, aber im Prinzip ist es nichts anderes, als das, was ich gerade in Deiner Rezeption gelesen habe.
    Wirst Du Teil 2 lesen?

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  2. Ja, in dem Fall stimme ich dir fast ohne Einwürfe zu! Soll auch mal vorkommen :D
    Theoretisch würde ich Teil zwei schon lesen, fragt sich nur, wann ich dazu komme. Sollte es sich eine von uns mal zulegen, können wir auch das in die Tauschrunde aufnehmen xD (die immer monströser wird)

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