Donnerstag, 10. Juni 2010

Zu "Die Klavierspielerin" (Elfriede Jelinek)

Da Fani und Saskia ja ein gewisses Interesse an dem Buch bekunden, werde ich hier ein wenig darüber schreiben, wobei ich betonen möchte, dass es keine Rezension sein wird!
Das hat mehrere Gründe, vor allem aber (und da werden mir wohl Kenner Jelineks zustimmen, denke ich) ist es ganz schwierig über eines von Elfriede Jelineks Werken zu schreiben, ohne dazu gleich in eine Diskussion über Gesellschaft und Themen der Gesellschaft auszuufern - über einen einzelnen Satz von ihr kann man leicht ein ganzes Essay schreiben.

Ich habe ja schon erwähnt, dass die Thematik der "Klavierspielerin" nicht ganz meinen Geschmack trifft - doch wie wir wissen: über Geschmack lässt sich streiten. Fest steht, dass Jelinek bestimmt nichts ohne Grund tut, und so wollte sie auch mit diesem Roman etwas bezwecken. Darauf gehe ich aber, aus genannter Langatmigkeit, nicht genauer ein.
Sehr gut (sogar ausgesprochen gut) hat mir der Schreibstil Jelineks gefallen. Man kann zu der Autorin stehen wie man will, dass sie mit Sprache umzugehen weiß, daran lässt sich nicht rütteln. Jeder Satz hat eine Aussage, habe ich an anderer Stelle geschrieben. Im Grunde hat nicht nur jeder Satz eine Aussage, viele haben sogar sehr viele Aussagen, die sich alle mit nur wenigen Worten ausdrücken lassen und auf ein Sammelsurium an Diskussionen hinweisen.
Gerade die Metaphern haben es mir angetan - Jelinek verzichtet gezielt darauf solche Metaphern zu verwenden, die man in einem gewissen Kontext erwarten würde. Der sexuelle Liebesakt wird hier zum Beispiel als Fabriksarbeit (im Akkord) dargestellt, eine Ausführung als gepresste Wurst, die an beiden Enden schnell abgeklemmt werden muss, damit nichts herausquillt. Was man also erwarten kann, ist das Unerwartete.

Die Geschichte ist eine kranke, wenn man das so ausdrücken kann. Erika Kohut, Klavierlehrerin, Ende Dreißig, lebt mit ihrer (sehr viel älteren) Mutter zusammen. Zwar verdient Erika das Geld, doch die Mutter bestimmt. Es gibt für Erika keinen Rückzugsort, alles was Erika gehört, das gehört auch der Mutter. Und mit ihrer sexuellen Identiät kommt Erika auch nicht wirklich zurecht. Für ihre Mutter sind Männer Eindringlinge, die nur schlechtes bringen und - vor allem - der Mutter die Tochter stehlen wollen.
Als der Klavierschüler Klemmer Interesse an seiner Lehrerin bekundet, weiß diese nicht so recht damit umzugehen. Die Folge ist ständige Machtverschiebung.
Erika, aufgrund mangelhaftem Bezug zur eigenen Sexualität, widmet sich dem Voyeurismus, sie geht mit Vorliebe in Peep-Shows und die Prateralleen, um Pärchen beim Liebesakt zuzusehen.

Das Ende ist genauso spektakulär wie unspektakulär. "Die Klavierspielerin" ist kein fesselnder Kriminal- oder Liebesroman. Der Roman fesselt durch geniale Sprachkonstruktion und Aufgriff gerne vermiedener Themen.


So viel dazu. Gelesen sollte man einen Jelinek schon haben - finde ich. Denn hier verpasst man sonst sicher etwas. Allerdings sind Jelineks Werke etwas für Mutige oder Literaturinteressierte - wer kritische Diskurse lieber vermeidet, für den ist Jelinek wohl nichts.


Kommentare:

  1. Vielen lieben Dank, dass du dir die Mühe gemacht hast, das Ganze aufzuschreiben! :)
    Ich werde mir deinen Rat ganz sicher zu Herzen nehmen - ein Jelinek muss gelesen werden. Sollte ich mich nur noch für einen entscheiden, vielleicht find ich was, was mich mehr anspricht als die Klavierspielerin. ^^

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  2. Ansprechende Themen wirst du wohl nicht finden xD Ein bisschen was über Kindheit gibt es in "Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft", "Die Kinder der Toten" ist über Heimat und Gewalt in der Heimat - allerdings ein richtiger Schinken. "Lust" ist über Sexualität, besser gesagt, Macht durch Sexualität, "Wir sind Lockvögel, Baby" ist ihr, glaube ich, erstes publiziertes Buch. Es ist ein "Poproman" und darin gibt es eine Anleitung, die besagt, dass der Leser alles in der Geschichte verändern soll. Das Cover soll sogar abwaschbar sein xD

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  3. Klingt wirklich alles nicht sonderlich aufregend.
    Das Cover ist abwaschbar?? Mit Wasser jetzt oder sitzt ich schon wieder auf der Leitung? xDD

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  4. Ob das Cover in der Version auch abwaschbar ist, weiß ich nicht. Mein Lektor hat heute erzählt, dass - aufgrund der Anleitung, die ja besagt, dass man an dem Roman mitarbeiten und ihn verändern soll - das Cover abwaschbar ist, um daraus etwas ganz Neues machen zu können xD Fand ich irgendwie eine lustige Idee.

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  5. Tja, gerade als Österreicherin sollte man Jelinek wirklich schon mal gelesen haben...
    Aber dazu konnte ich mich bisher auch nicht wirklich aufraffen ;-) Das ist mir irgendwie alles zu heftig.

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  6. Vielen Dank für die Mühe, Lisa! :3
    Gut, gut, gut ... ich gebe zu, noch bin ich unschlüssig. Aber wenn man die Dame mal gelesen haben sollte (auch wenn ich nicht aus <österreich komme? xD), dann werd ich es einfach mal probieren.
    Aber ... abwaschbares Cover? xD Das wär ja was.

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  7. @Evi: Jaja, wie gesagt, wenn man in Literaturgeschichte nich unglaublich interessiert ist, dann muss man es natürlich nicht lesen - faszinierend ist Jelinek aber allemal.

    @Saskia: Gerne, gerne :)
    Wir sind doch Nachbarn xD Außerdem hat sie den Literaturnobelpreis gewonnen, da wird das Ganze wieder irgendwie international...

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  8. Da muss man wahrscheinlich in der richtigen Stimmung sein. Zum Beispiel heute, da hatte ich plötzlich Lust auf einen Klassiker - gut, dass mein SuB noch Jane Austen zu bieten hat ;D
    Also wenn ich mal plötzlich Lust auf Jelinek bekommen sollte, muss ich unbedingt was lagernd haben. Ich find schon was! ;D

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