Freitag, 18. Juni 2010

[Rezension] Oliver Plaschka, Die Magier von Montparnasse

gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarten
Seiten: 428
ISBN: 978-3-608-93874-6

Inhalt (lt. Rückentext):
Zauberer nähren sich von der Verwirrung des Publikums wie Vampire von der Unschuld ihrer Opfer.
Paris, 1926, ein Varieté am Montparnasse. Eigentlich ahtten der Bühnenzauberer Ravi und seine Assistentin Blanche nur ihr harmloses Zauberkunststück im Sinn. Dann aber wird der große Ravi gezwungen, die älteste Regel der Zaubererzunft zu brechen: Vor aller Augen setzt er echte Magie ein.

Zum Buch:
Im Grunde sollte auch dieser siebte Tag ihrer Aufführung im Bobino nichts besonderes werden. Ravi und seine Assistentin Blanche wollten nur das erfolgreiche einwöchige Engagement abschließen und dann wieder ihrer Wege gehen. Doch an diesem 26. September im Jahre 1926 passiert etwas, das nicht hätte passieren dürfen. Während des Auftritts geht etwas schief - und Ravi hat die Wahl, sich an die Regeln zu halten, oder seine geliebte Blanche vor dem Tod zu bewahren. Er entscheidet sich für letzteres, und das bedeutet Magie. Echte Magie.
An diesem Abend beginnt Ravis Prüfung, die härter sein wird als erwartet. Sieben Tage lang wiederholt sich jener Sonntag, während Blanche in komatösen Schlaf verfallen ist. Um den Montag zu erleben, muss Ravi Einfallsreichtum und Raffinesse beweisen. Er muss einen Weg finden, die Zeit wieder in gewohnte Bahnen zu führen. Dabei ist er nicht unbeobachtet: Mitglieder der Société Silencieuse beobachten ihn. So erscheint bald der exzentrische Engländer Barneby, kurz gefolgt von der geheimnisvollen Madame Céleste und dem überaus schönen Orlando und dessen Diener.
Und da sind auch noch Justine, eine Kellnerin, und Gaspard, hoffnungsvoller Autor, die das Schicksal immer wieder zueinander zu führen scheint - doch was geschah am wahren Sonntag?
Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, während diese zum Stillstand gerät...

Rezeption:
Oliver Plaschka hat hier ein wahrlich magisches Werk vorgelegt. Innerhalb kürzester Zeit bin ich im Bann dieser Geschichte gefangen gewesen und mich immer wieder gefragt, worum es nun wirklich geht - denn das bleibt bis zum Finale vollkommen unklar. Plaschka versteht es mithilfe einer wunderschönen Sprache das Montparnasse der 20er Jahre wieder auferstehen zu lassen, mit all den Elementen, die Paris und diese Zeit auszeichnen. Es fließen faszinierende Aspekte in die Handlung ein - historische Fakten mit fantasievoller Fiktion, ein Magier, der sich hinter falscher Zauberkunst versteckt, eine Geschichte, die sich hinter einer anderen bedeckt hält.

Protagonisten gibt es mehrere, die aus der Ich-Perspektive erzählen. Ravi ist so, wie man sich einen Zauberkünstler vorstellen würde: geheimnisvoll und beherrscht, immer mit Umhand und weißen Handschuhen anzufinden. Doch dass er ein Geheimnis verbirgt, wird schon bald bewusst.
Seine Assistentin Blanche scheint eine Weile lang nur Nebenfigur zu sein, doch schließlich entwickelt sie sich zum Kern der Geschehnisse, zu der unterschwelligen Macht im Café Jardin, in dem die Charaktere untergekommen sind. Wie es das Leitmotiv dieses Romans zu sein scheint, ist auch Blanche nicht, was sie zu sein scheint.
Mit dem Auftritt Barnebys kommt Komik in die Handlung. Der Engländer ist ebenso sympathisch wie geheimnisvoll. Unter seiner offenen und verrückten Art spürt man einen sehr viel tieferen Kern und ahnt, dass er gefährlicher sein könnte, als es den Anschein hat.
Mit der dunkelhäutigen Céleste verbindet ihn offensichtlich etwas, doch was genau, bleibt lange ein Rätsel. Im einen Moment scheint es, als könnten sich die beiden nicht ausstehen, im nächsten als hätten sie ein lange gemeinsame Vergangenheit und eine daraus resultierende Verbindung.
Gaspard und Justine, die romantischen Figuren dieser Erzählung, entwickeln sich von nichtsahnenden, normalen Menschen in heimliche Helden. Nach einer Weile scheint sich alles auf diese beiden zu fokussieren, im Besonderen auf die hübsche Justine. Auch entwickelt sich zwischen Blanche und Justine eine Verbindung, die die rästelhafte Note der Geschichte noch unterstreicht.
Alphonse und seine Frau Esmée sind die Besitzer des Jardin und leben im ehelichen Clinch miteinander. Beide sind verbittert und können nicht zugeben, dass sie ihren Partner lieben und für nichts eintauschen würden. Das macht die beiden sympathisch.
All diese Figuren sorgen dafür, dass es für jeden Leser einen Charakter gibt, von dem er sich angesprochen fühlt - egal welches Alter oder Geschlecht, welche Eigenheiten und Vorlieben.

Interessant ist der Fakt, dass die gesamte Zeit Unklarheit darüber herrscht, was nun wirklich vorgeht. Die Fragen, weshalb die Zeit stehen geblieben ist, was es mit der Société auf sich hat und weshalb Blanche schläft, bleiben bis zum Schluss ungeklärt - mit Ausnahme einiger Andeutungen. Von Tag zu Tag werden die Zustände in Montparnasse, und im Jardin im Besonderen, verrückter zu werden. Jeden Tag geschieht etwas Verrücktes, an das sich niemand außer den Zauberern mehr erinnern kann, wenn der neue Tag anbricht. Das sorgt für eine gewisse Komik und ein wenig Verrücktheit.
Der Leser wird von den Erzählern oft direkt angesprochen, was eine intime Beziehung zu den Charakteren schafft und mich umso mehr in die Geschichte hineingezogen hat. Zur Spitze getrieben wird das in einem Kapitel, in dem Alphonse mit dem Leser wie mit einem seiner Gäste spricht.

Die Magier von Montparnasse ist eine Geschichte voller Illusionen und Überraschungen. Wer nach einem ausgefallenen und unterhaltsamen Buch sucht, macht mit diesem bestimmt nichts falsch.


Zum Autor:
Oliver Plaschka, geboren 1975, studierte Anglistik und Ethnologie an der Universität Heidelberg und ist Mitverfasser des Narnia-Rollenspiels. Sein Roman Fairwater oder die Spiegel des Herrn Bartholomew wurde 2008 als bestes deutschsprachiges Romandebüt mit dem Deutschen Phantastikpreis ausgezeichnet. Oliver Plaschka lebt in Speyer.




Herzlichen Dank an

Kommentare:

  1. Ich wusste, wusste, wusste, dass es dir gefallen wird! :D

    AntwortenLöschen
  2. Ja, das hat es wirklich. Furchtbar, dass ich so lange dafür gebraucht habe - aber ich musste halt auch einiges für die Uni lesen.

    AntwortenLöschen
  3. Freut mich, dass es euch beiden so gut gefallen hat. Komischerweise konnte ich mit diesem Buch rein gar nichts anfangen, war einfach nicht nach meinem Geschmack...

    AntwortenLöschen
  4. Ich glaub, dass ist die erste durchweg positive Rezi, die ich zu diesem Buch gelesen habe. -lach-
    Ich glaube, sonst wurde auch oft die Erzählweise oder der Stil kritisiert? Herrje, bin ich vergesslich geworden!

    AntwortenLöschen
  5. @Kerstin: Ich kann mir schon denken, dass das Buch nicht für jeden was ist.

    @Saskia: Ehrlich? Gerade der Stil hat mich fasziniert :) Die Magier von Montparnasse ist ein Buch ganz nach meinem Geschmack...ich mag es, wenn die Geschichten nicht so offensichtlich sind, wenn man sich ein wenig anstrengen muss, um den Kern zu erfassen :D

    AntwortenLöschen
  6. Absolut ehrlich. -lach-
    Ich schau dann mal :'D Für ein "unsicheres" Buch ist es mir momentan noch zu teuer. xD

    AntwortenLöschen