Donnerstag, 15. April 2010

[Rezension (?)] Thomas Mann, Der Tod in Venedig

Novelle
Erschienen: 2001
ISBN-10: 3-596-11266-4
EAN: 9783596112661
Einband: kartoniert/broschiert
Erschienen bei: Fischer Taschenbuch Verlag
Seitenzahl: 144

Zum Buch:
Gustav von Aschenbach, rennomierter Autor und Kopfmensch, im Herbst seines Lebens, entscheidet, dass er eine Auszeit braucht, nachdem er einen seltsamen Fremden sieht, der ihm nicht ganz geheuer ist. Er macht sich also auf zur östlichen Adria und entscheidet von dort, dass er nach Venedig reisen möchte. Schon die Schifffahrt allein mutet eigenartig an. Er fühlt die Ewigkeit des Meeres, die ihn umgibt, eine Stille scheint über allem zu liegen. So ist es auch mit seiner Ankunft im Lido, über den ein Gondoliere Aschenbach führt. Etwas stimmt nicht mit seinem geliebten Venedig, es ist grau und düster, nebelverhangen liegt es vor ihm und ein übelkeiterregender Geruch steigt aus den Kanälen auf.
Im Hotel Excelsior und am Strand versucht Aschenbach seine Ruhe zu finden, das gelingt aber nur zum Teil, denn schon bald wird er auf den polnischen Jungen Tadzio aufmerksam, ein Knabe von vollkommener Schönheit, wie Aschenbach meint. Er warnt sich selbst vor Torheiten, kann aber nicht gegen das Gefühl in ihm an, das er dem 14jährigen gegenüber empfindet. Der alternde Schriftsteller labt sich an der Schönheit der Jugend, entdeckt immer neue Eigenschaften an Tadzio und merkt selbst, wie er dieser Vollkommenheit verfällt. Doch ebenso wird Aschenbald die Zartheit und Zerbrechlichkeit des Jungen bewusst - die schlechten Zähne, die blasse Haut.
Graduell wirft Aschenbach alle Vernunft von sich, verfolgt Tadzio und lebt in ständiger Angst, seine verbotene Leidenschaft könnte entdeckt werden. Aufzuhalten ist er allerdings nicht mehr. Sein Gefühl geht so weit, dass er auch noch in Venedig bleibt, als sich Gerüchte einer Seuche breit machen und der Tod seinen Schatten über La Serenissima wirft...

Rezeption:
Einfach zu lesen, ist "Der Tod in Venedig" bestimmt nicht. Aber das ist, so denke ich, auch nicht der Sinn der Existenz dieser Novelle. Und das wird schnell bewusst, wenn man beachtet, wie durchdacht diese Erzählung ist. Schon von Beginn an ist der Tod gegenwärtig, versteckt sich in kleinen Andeutungen und verschiedenen Boten, die als Menschen auftreten. Aschenbach wird langsam, aber stetig auf sein Schicksal zugeführt - das wird auch durch die düstere Stimmung Venedigs betont, der drohenden Seuche, den Zerfall Aschenbachs Wesen und früheren Werten.
Ich werde mich hier in keiner genauen Analyse des Inhalts und Stils ergehen - das ist nicht meine Aufgabe und auch nicht mein Ziel - und wird wohl eher kurz gehalten werden. Bei einer so berühmten Novelle ist es sinnlos, allzuviel über die mannigfachen Andeutungen zu schreiben, die in beinahe jedem Satz zu finden sind - je berühmter das Werk, desto größer die Anzahl der Analysen.
Was meine persönliche Meinung zu dem Buch angeht, gibt es allerdings schon das eine oder andere zu sagen. Wie gesagt, ist "Der Tod in Venedig" kein Page-Turner. Die Novelle punktet nicht mit actionreichen Elementen, Liebesgesäusel u.ä.. Die Sätze sind lang und langwierig, die Absätze geladen mit Gedanken und unterschwelligen Botschaften, so dass es schon ein wenig dauern kann, bis man einen Satz (und im Endeffekt die Novelle) verdaut hat.
Zu Beginn der Lektüre war es auch tatsächlich so, dass es mir an Konzentration und Motivation fehlte. Also habe ich es mir einfach gemacht: Studienkollegin und Freundin gebeten, dass sie mit mir gemeinsam liest. Ausgesehen hat das dann so, dass ich vorlas und sie zuhörte, durchsetzt mit Kommentaren (und viel Gelächter) von uns beiden. Auf diese Weise war die Erzählung recht schnell gelesen und auch ganz gut verarbeitet. Und das Wichtigste dabei war, dass wir ab einem gewissen Moment aufhören konnten, uns über die Langwierigkeit Manns Stils zu ergehen, sondern einfach nur noch die Schönheit der Worte genießen konnten. Aus einer gespaltenen Meinung wurde eine sehr positive - was allerdings für die Art der Erzählung und die Umsetzung gilt und weniger für Aschenbachs Obsession Tadzio gegenüber, denn von Pädophilie halten wir beide nicht so viel. Aber die Novelle war schließlich auch damals ein Skandal und soll es zum Teil wohl auch sein.
Ein Punkt, der gerade durch das laute Vorlesen offenkundig wurde, war jener, dass Mann es durchaus auch verstand, sich onomatopoeitisch auszudrücken, gewisse Szenen gewannen mit jedem Wort mehr an Plastik, das Grauen eines Traumes konnte besser dargestellt werden.
Der Stil, wie gesagt also, ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber dann umso schöner.

Um es kurz zu sagen: "Der Tod in Venedig" mag dem Einen oder Anderen vielleicht zu anstrengend zu Lesen sein, vom Inhalt vielleicht nicht so Interessieren wie manch andere Geschichte, ist aber für alle, die ein gewisses Interesse an bekannter Literatur und einen Sinn für die Schönheit der Sprache haben, sicher ein Erlebnis.


Punkte gebe ich in diesem Fall nicht - das wäre bei so einem Werk sinnlos, denn eine Erzählung, die in die Literaturgeschichte eingegangen ist, will man lesen oder aber nicht.


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