Donnerstag, 22. April 2010

[Rezension] Carrie Ryan, The Forest - Wald der tausend Augen


Erschienen: August 2009
ISBN-10: 3-570-16049-1
EAN: 9783570160497
Einband: gebunden
Erschienen bei: Bertelsmann Verlag
Seitenzahl: 397

Inhalt (lt. Klappentext):
Ein Dorf mitten im Wald, umgeben von einem hohen Zaun - hier lebt Mary nach den strengen Regeln der Schwesternschaft, die die kleine Gemeinschaft von jeher führen und schützen. Doch es kommt der Tag, da fühlt sich Mary von diesen Regeln verraten. Sie findet Dinge heraus, die sie nie wissen wollte. Über die Schwestern und ihre Geheimnisse, über die Wächter und ihre Macht. Aber erst als der Zaun durchbrochen und das Dorf überrannt wird, erkennt Mary die schlimmste Wahrheit von allen - wie unbarmherzig die Ungeweihten wirklich sind. Jetzt muss sie sich entscheiden. Zwischen ihrer Angst und ihrem Traum von einer anderen Zukunft, zwischen dem Mann, dem sie versprochen ist, und dem einen, den sie liebt. Kann es Leben außerhalb einer Welt geben, die vom Tod beherrscht wird? Und ist Mary stark genug, den Weg durch den Wald der tausend Augen zu überstehen?

Zum Buch:
Man stelle sich eine Welt vor, die von einem unbarmherzigen Virus heimgesucht wurde. Ungeweihte besiedeln das Land und gieren nach dem Fleisch der Lebenden - wer von ihnen gebissen wird, wird selbst ein Ungeweihter, ein Untoter. An eine Zeit vor der "Rückkehr" kann sich niemand mehr erinnern. Es gibt Geschichten, doch Häuser, die in den Himmel ragen und das Meer sind abstrakte Vorstellungen. Für Mary gab es ihr Leben lang nur das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Es ist umgeben von einem Zaun, der die Ungeweihten davon abhält, das Leben der Dorfbewohner zu stören. Doch Mary kennt auch die Geschichten von Meer und im Gegensatz zu den anderen, glaubt sie daran. Sie ist sich sicher, dass es noch mehr geben muss, als das umzäunte Dorf. Dass es noch andere Menschen geben muss, Menschen, die den Ungeweihten nicht zum Opfer gefallen sind.
Der Tag, an dem ihr bester Freund um ihre Hand anhält, ist der Tag, an dem ihre Mutter gebissen wird. Marys Leben ändert sich schlagartig. Der Vater ist schon seit Jahren verschwunden und nachdem auch die Mutter tot ist, beschließt Marys Bruder Jed, sie ins Münster der Schwesternschaft zu schicken. Mary zieht sich dort in ihrer Trauer zurück - bis zu dem Tag, an dem Travis - der Junge, den Mary liebt - in das Münster kommt. Er hat sich das Bein gebrochen und die Schwesternschaft verarztet ihn. Jeden Tag besucht Mary ihn und flüstert ihm Geschichten über das Meer ins Ohr. Über die Wochen hinweg kommen sich die beiden näher und entdecken, dass auch Travis sich in Mary verliebt hat. Doch die Erkenntnis kommt zu spät. Mary ist Travis Bruder Harry versprochen und Travis hat um die Hand ihrer besten Freundin angehalten...
All diese Probleme sind kurzfristig vergessen, als die Ungeweihten den Zaun durchbrechen und das Dorf unrettbar fällt. Den vieren und dem kleinen Jakob bleibt keine andere Wahl, als den unbekannten Pfad durch den Wald der tausend Augen zu betreten. Dort kommen sie an ihre physischen und emotionalen Grenzen, Mary kämpft verzweifelt um ihre und Travis Liebe, doch das ist schwer, wenn an jeder Ecke der Tod lauert.
Nur eines hält Mary aufrecht: Der Gedanke an einen Ausweg, der Gedanke an das Meer.

Rezeption:
Ich muss sagen, dass dieses Buch nicht im Geringsten so war, wie ich es erwartet habe. Was Carrie Ryan uns hier vorlegt ist eine Welt nach den Zombie-Filmen. Eine Welt, in der die letzten Überlebenden immer noch kämpfen - Generationen später. Und das gelingt ihr auch auf recht glaubhafte Weise. Durch die Abschirmung von allem Außenstehenden hat sich die Kultur zurückentwickelt. Hochäuser - Städte im heutigen Sinn - sind den Menschen kein Begriff mehr. Sie leben mit den Ressourcen, die sie zur Verfügung haben und legen alle größeren Entscheidungen in die Hände der Schwesterschaft, die über das Dorf wacht und die Vorgänge regelt. Man erkennt hier deutlich den Versuch, einen Halt in einer ansonsten unsicheren Welt zu erlangen. Das Leben ist der Huldigung Gottes ausgerichtet, die Feste der Schwesterschaft stehen über allem. Die Schwesternschaft verheiratet Paare, die potentiell die besten Nachkommen hervorbringen, um das Überleben zu sichern.
Mary ist eine Freidenkerin, die infrage stellt, was man ihr von Geburt an einzutrichtern versucht. Sie glaubt an mehr und ihr genügen nicht die knappen Antworten der Schwesterschaft. Ihr Traum ist es, das Meer zu finden - zu beweisen, dass es noch etwas anderes gibt. Unterstützt wird sie dabei allerdings nicht, denn jeder weiß, dass es zu gefährlich ist, das Dorf zu verlassen. Ohne den Einfall der Ungeweihten wäre Mary somit niemals in den Wald gelangt und hätte aus ihrer Vorstellung Realität machen können. Denn während die übrige Gruppe nur versucht, am Leben zu bleiben, hält Mary immer weiter nach Hinweisen Ausschau - die sie auch findet. Indirekt führt sie die anderen an und der vermeindlichen Lösung immer näher.
In diese Untergangsstimmung passt perfekt die Aussichtslosigkeit von Marys und Travis Liebe. Denn obwohl auch Travis sie liebt, fühlt er sich seinem Bruder und seiner Verlobten verpflichtet und Mary hat Angst vor den Konsequenzen, wenn sie mit Harry bricht... Das Drama, das sich hier ergibt ist eines voller Melancholie mit sanften Ausbrüchen, viel Herzschmerz und immer vom Todesgedanken begleitet. Das berührt und macht Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit deutlich. Schließlich denken diese jungen Leute, dass sie die letzten lebenden Menschen der Erde sind. Ihr Leben ist begleitet vom Tod: Sie verlieren Freunde, Geliebte und Familie. Und mit Vernichtung des Dorfes wird ihnen auch noch die letzte Konstante weggerissen.
Ich war berührt von der Geschichte, die oberflächlich doch recht emotionslos gestaltet wird - meiner Meinung nach aber die perfekte Erzählvariante. Mary als melancholischer Ich-Erzähler gibt der Geschichte einen glaubwürdigen und tiefen Charakter.

"The Forest" ist eine Geschichte von Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, von Einsamkeit inmitten tausender Beobachter... Berührend und melancholisch erzählt.

Zusatzinformation:
Auf Englisch ist ein Sequel erschienen. "The Dead-Tossed Waves" setzt am geographischen Ausgangspunkt der ersten Geschichte an, Charaktere sind aber andere.

Kommentare:

  1. Ich spiele auch schon eine Weile mit dem Gedanken,das Buch zu lesen. Nun weiß ich,dass ich es mir holen MUSS :D

    Deiner Rezi nach ist es auch anders,als ich es mir vorgestellt hatte, klingt aber dennoch sehr interessant.

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  2. Das beruhigt mich jetzt etwas. Habe das Buch ja auch hier stehen (auf Englisch) und der Anfang ist etwas zäh ... na gut, ich hab nur bis Seite 30 oder so gelesen xD Freu mich jetzt aber definitiv wieder auf das Buch :D Danke ;)

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  3. Ich war am Anfang auch etwas skeptisch, aber das hat sich dann mit der Zeit gelegt. Aufhören wollte ich bei einer besonders dramatischen Seele, wo ich es vor Herzschmerz beinahe nicht mehr ausgehalten hätte xD Aber dann wusste ich nicht, welches Buch ich lesen will, also hab ich weitergemacht +lach+

    @Kathrin: Ich kann nicht sagen, ob es allen gefallen wird - mich hat es auf jeden Fall sehr überrascht und ich hab ein Faible für Tragik und Untergangsstimmung :D

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  4. Wow, danke für die ausführliche Rezi! Also ich hatte "The Forest" schon öfters in der Hand, habe aber aufgrund des Klappentextes doch immer gezögert es zu kaufen. Deine Rezension jetzt hat mich dann davon überzeugt, dass es sicher ein interessantes Buch ist. Wäre es nicht so teuer, würd ichs mir sofort kaufen ;) Wie du die Lebensituation beschreibst, erinnert mich übrigens sehr an das Dorf in "I am Legend". Gefällt mir!

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  5. Gerne :)
    Ich dachte am Anfang des Buches immer an "The Village" xD Mit "I am Legend" hat es nur in der Zombie-Hinsicht Ähnlichkeit. Ansonsten muss man sich das Dorf mehr mittelalterlich vorstellen :)

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