Sonntag, 7. März 2010

[Rezension] Brom - Der Kinderdieb

Inhalt (lt. Rückentext):
Leise wie ein Schatten streift ein merkwürdiger Junge durch die Straßen von New York. Er nennt sich Peter und ist auf der Suche nach Kindern und Teenagern, die dringend Hilfe brauchen. Peter rettet sie - und bietet ihnen an, sie in sein magisches Reich zu führen, in dem niemand je erwachsen werden muss. Doch er verrät ihnen nicht, dass dieses Land im Sterben liegt und dort nicht nur magische Geschöpfe und das Abenteuer ihres Lebens auf sie warten, sondern auch größte Gefahr...

Zum Buch:
Der Künstler Brom greift mit "Der Kinderdieb" die bekannte Geschichte von James Barrie auf, die schon hunderte von Kinderherzen begeistern konnte. Allerdings ist seine Version des Nimmerlands bei weitem grausamer als in der ursprünglichen Geschichte.
Peter ist einer der Bewohner Avalons, jener sagenhaften Insel, die sich hinter dichten Nebelschwaden vor unerwünschten Eindringlingen schützt. Doch Avalon und mit ihm Modron, die Dame vom See sind dem Untergang geweiht. Fleischlinge - fantasielose Erwachsene - haben die Insel betreten und sich in Monster verwandelt, die von nun an die Insel tyranisieren. Da der Herr Avalons nichts unternehmen will, sieht Peter nur eine Chance: Er muss seine Spielkameraden, die er zeitweilig aus der realen Welt entführt, rekrutieren und zu Kämpfern ausbilden, um seine Heimat zu retten. Dabei bildet er seine "Teufel" zu gewissenlosen Mördern aus - und die misshandelten und einsamen Kinder, die in Peter eine neue Führungsperson gefunden haben, folgen ihm blind.
Auf der Suche nach neuen Kindern begibt sich Peter ein weiteres Mal nach New York, wo er auf Nick trifft, der gerade von Zuhause geflohen ist, da ihn eine Bande übler Drogendealer verfolgt. Peter rettet Nick das Leben und überredet den Jungen, ihm zu folgen. Da er keinen Ausweg sieht, setzt Nick sein Vertrauen in den goldäugigen Jungen, ohne zu wissen, was ihn erwartet. Peter führt ihn durch den Nebel und mit einem Mal findet Nick sich in einem Land voller Magie wieder - was dem modernen Teenager verwirrt und skeptisch werden lässt. Zwar vertraut er Peter nicht wirklich, doch da er keine andere Wahl hat, lässt er sich in dessen Feste führen und erkennt erst allmählich, auf was er sich da eingelassen hat.

Rezeption:
Viel mehr möchte ich nicht über den Inhalt verraten - zum einen ist die Geschichte zu komplex und ich würde zu viel verraten, wenn ich noch einen weiteren Satz schriebe, zum anderen gibt es noch einige andere Aspekte, auf die ich eingehen möchte.
Zum einen wären da einmal die fantastischen Bilder von Brom, die sich zu jedem Kapitelanfang finden lassen, und die wichtigsten Charaktere sind in Farbe in der Mitte des Buches abgedruckt. Obwohl die Geschichte an sich schon plastisch genug beschrieben wäre, ergeben diese Bilder die perfekte Ergänzung zur eigenen Vorstellung: Da der Autor selbst die Charaktere gezeichnet hat, sind sie genauso wie beschrieben und helfen einem, sich noch tiefer in die Geschichte hineinzubegeben.

Weiters ist "Der Kinderdieb" ebenso wie "Peter Pan" zu den Robinsonanden zu zählen - und meiner Meinung nach dürfte es auch gar nicht anders sein, denn eine Figur wie Peter kann sich nur abseits der Zivilisation so entfalten, wie sie es verdient.
Besonders fasziniert hat mich, dass Peter eine Art Co-Protagonisten zur Seite hat, nämlich Nick. Dieser ist dem Kinderdieb vom Charakter her ähnlicher, als man zu Beginn annehmen würde und mit der Zeit bekommt man das Gefühl, dass die beiden nur ihre Weltanschauung unterscheidet. Wo Peter wild und schelmenhaft ist, denkt Nick nach und durchschaut die Strukturen, die das Tun der anderen "Teufel" beeinflussen. Beide Jungen sind stark gezeichnete Figuren, die aufgrund ihres Wesens nicht selten aneinander geraten - so ist immerhin Nick der einzige, der das blinde Vertrauen der anderen Kinder in Peter in Frage stellt.
Und ebenso wie die Gegenüberstellung der beiden Charaktere, hat auch die zwischen moderner Welt und dem mythischen Avalon seinen Reiz. Der Autor zeichnet realisitisch die Reaktion von Menschen in der heutigen Zeit nach, wären diese mit einem Mal Fantasiegestalten gegenübergestellt. Wie man dem Nachwort entnehmen kann, war gerade das auch eines seiner Ziele.
Mich persönlich hat "Der Kinderdieb" gerade wegen der Hervorhebung des ambivalenten Charakters von Peter angesprochen - denn schon früher beim Originalwerk habe ich mir den einen oder anderen Gedanken über die dunklen Seiten von Peter Pan gemacht, die hin und wieder angedeutet werden. So ist Peter zwar ein liebenswerter und optimistischer Kerl, von Moral fehlt aber oft jede Spur. Im Nachwort spricht Brom über seine Motivation für das Verfassen dieser Geschichte: Tatsächlich ist auch er auf die dunklen Aspekte in Peter Pan aufmerksam geworden und zwar durch die ungeänderte Originalfassung von Barries Geschichte, in der Peter um einiges grausamer dargestellt wird, als in der heutigen kinderfreundlichen Fassung.
Ich, als Peter-Pan-Fan, habe mich sehr über dieses Stück Information gefreut: Schließlich wusste ich zuvor nicht, dass die bekannte Version eine veränderte ist.

Nebenbei ist mir auch noch ein Übriges aufgefallen - ich nehme an, die Verbindung war nicht beabsichtigt, aber man kann es nicht wissen - es gibt die eine oder andere Paralelle zu Joseph Conrads "Heart of Darkness". Da spricht Conrad von einem hohlen Kern, von dem die Wildheit des Congos Besitz ergreift und den Barbaren im Mann hervorholt. Nick geht es kaum anders, als er in Avalon ankommt und seine Freiheit begreift - er spürt etwas in sich, dass sich nicht unterdrücken lässt, eine Dunkelheit, von der auch Conrad in "Heart of Darkness" spricht.


"Der Kinderdieb" ist mit Sicherheit eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Ich habe jede Seite gerne gelesen und bin begeistert von dieser anderen Darstellung des Kinderbuch-Klassikers. Dabei sollte man "Der Kinderdieb" keinesfalls in den Schatten von Barries "Peter Pan" stellen - Broms Version hat es ohne Frage verdient als eigenständiges (und sehr gelungenes) Werk angesehen zu werden.

5 von 5 Punkten für die Schattenseiten der kindlichen Unbedachtheit!


Zum Autor:
Der Amerikaner Brom, Jahrgang 1965, verbrachte seine Jugend unter anderem in Japan und Deutschland. Er zählt zu den erfolgreichsten Fantasykünstlern der USA; seine Werke illustrieren zahlreiche Rollenspiele und andere Fantasywelten. Mehr Informationen unter www.bromart.com oder www.pan-verlag.de

Die oben verwendeten Bilder sind von www.bromart.com

Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars an

Kommentare:

  1. Wow, super Interpretation!

    Das Nachwort des Autors fand ich auch sehr informativ, besonders die Sache, die du schon hervorgehoben hast, dass nämlich die bekannte Peter-Pan-Version eine abgeänderte ist. Hat mich echt gewundert. Ich frag mich, ob man die ursprüngliche wohl irgendwo auftreiben kann ... muss ich mal recherchieren ;)

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  2. Ja, ich würd mich auch seeeehr für's Original interessieren!

    Danke ♥

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  3. Obwohl ich schon so viel Gutes gehört habe, reizt mich das Buch überhaupt nicht und mit jeder Rezi weniger ... keine Ahnung warum.
    Aber ich fand Deine Rezi toll!!
    Vielleicht ist es mir einfach zu "dunkel" und zu düster, zu bedrohlich ... keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es eines der wenigen Bücher des Verlages sein wird, die ich nicht lese. ;)

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  4. Naja - jeder hat halt so seine Vorlieben :D Wär ja auch komisch, wenn alle die gleichen Bücher mögen würden.

    Danke für die Blumen :D

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  5. Jetzt bin ich noch hibbeliger xD
    Ich warte seit einer Weile auf das Buch, nur bisher kam's nicht. Und wenn ich das dann so höre ... +.+

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  6. Das Buch hat es verdient, dass du hibbelig bist xD

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  7. Also nur mal so nebenbei: Ich bin 15 und sah das Buch eines Tages in der Buchhandlung. Ich hab mit gedacht: sieht gut aus und habs mir gekauft. Zu Hause angekommen, recherchiere ich ein bisschen im Internet und höre wie brutal das Buch sein soll und das manche Leute es erst ab 18 empfehlen würden. Ich dachte mir, dass kann ja heiter werden und begann nun doch leicht skeptisch zu lesen. Meiner Meinung nach ist es wirklich brutal und mehr als einmal hab ich gedacht: Was, es stirbt schon wieder einer?! Aber 18 ist wirklich übertrieben. Ich würde sagen ab 14, aber das hängt natürlich sehr vom Charakter ab. Also ich habe nicht das Gefühl von diesem Buch ab heute mit Albträumen verfolgt zu werden. Ich fands klasse und würde es allen empfehlen die auf Dark-Fantasy und sehr stehen und sehr viel Blut vertragen. ;-)

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