Freitag, 26. Februar 2010

[Rezension] Sam Savage - Firmin | Ein Rattenleben

Inhalt (lt. Rückentext):
Firmin wächst im Keller einer Bostoner Buchhandlung auf und liest sich Buch für Buch durch die Weltliteratur. Er entdeckt, wie spannend das Leben der Menschen ist und macht sich auf, ihre Freundschaft zu suchen. Sam Savage erzählt in diesem gefeierten Kultbuch die traurig-charmante Geschichte eines verkannten Außenseiters.

Zum Buch:
Der kleiner Firmin wird im Boston (genauer: am Scollay Square) der 60er Jahre als schwächstes von dreizehn Rattenkindern im Keller einer Buchhandlung zur Welt gebracht. Seine Mutter Flo ist eine übergewichtige Ratte, die ihren Mutterpflichten nur widerwillig nachkommt und von ihren Futtersuchen immer betrunken heimkehrt. Doch anstatt darin etwas Negatives zu sehen, nutzt Firmin diesen Umstand zu seinem Vorteil, um sich gegen seine Geschwister durchzusetzen und an genug Muttermilch zu kommen, um überleben zu können.
Es dauert nicht lange, bis der Rattenjunge bemerkt, dass er seiner Familie so gar nicht ähnlich ist - im Grunde ist er nicht einem seiner eigenen Spezies ähnlich. Nicht nur äußerlich passt er nicht dazu (er ist schmächtig, unterernährt und nicht gerade der Schönste), sondern er macht auch noch eine Entdeckung, die sein Leben verändern wird. Auf der Suche nach etwas, mit dem er sich den leeren Bauch füllen kann, stößt Firmin auf Papier, besser gesagt Buchseiten, und entwickelt geradezu eine Sucht danach, die bedruckten Seiten zu kauen. Irgendwann bemerkt er, dass er lesen kann, was in den Büchern steht und seine Reise durch die Weltliteratur beginnt.
Während Firmin also die bekannten und weniger bekannten Autoren und Werke der Weltgeschichte durchforstet, werden seine Geschwister erwachsen und ziehen aus. Der belesene Rattenjunge aber kann sich nicht von seinen Büchern trennen und bleibt in der Buchhandlung. In seiner Fantasie schließt er Freundschaft mit dem Ladeninhaber Norman Shine, er beobachtet den Mann durch ein Loch in der Decke und steigert sich so sehr in seine Fantasien, dass Norman der erste Mann wird, den Firmin liebt, ohne dass Shine weiß, dass die Ratte überhaupt existiert.
Die Zeit verstreicht und Firmin erkennt sich selbst als Genie, als Zyniker und Außenseiter. Immer mehr fühlt er sich den Menschen zugehörig und möchte Teil ihrer Gesellschaft werden, ihm ist aber durchaus bewusst, dass das für eine Ratte alles andere als einfach ist. Umso verzweifelter ist er, als er entdeckt, dass Ratten nicht sprechen können. Er lernt Zeichensprache - doch ohne Hände ist auch das schwer zu meistern und er kann nicht mehr deuten als "Auf Wiedersehen Reißverschluss".
Er besucht das Rialto-Kino und verliebt sich in die mitternächtlichen Pornovorstellung. Die Darstellerinnen nennt er seine Hübschen.
Als Norman, der Buchladeninhaber, auf Firmin aufmerksam wird und versucht die Ratte zu vergiften, erkennt diese, dass Norman nicht so ist wie in Gedanken ersonnen. Tief verletzt zieht sich Firmin wieder zurück und es dauert lange, bis er wieder einen Menschen lieben soll. Doch dieser kommt unverhofft in der Form von Jerry, einem mittellosen Bohemian und erfolglosen Schriftsteller. Jerry nimmt Firmin mit sich nach Hause und umsorgt ihn, nachdem der Ratte in einem Versuch, Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, ein Bein gebrochen wird. Es ist der Beginn einer tiefen Freundschaft, die nur davon überschattet wird, dass auch Jerry Firmins wahre Natur nicht erkennt. Doch damit kann sich das Tier abfinden, es träumt davon, Fred Astaire zu sein und schwelgt weiterhin in den Welten seiner geliebten Bücher.
Doch wie alles, kann auch das nicht ewig gut laufen: Die Stadt Boston möchte den Scollay Square einreißen und damit Firmins Heimat zerstören...

Rezeption:
Charmant, liebenswürdig, manchmal sarkastisch wird die Lebensgeschichte der verkappten Ratte Firmin erzählt. Von den Höhen und Tiefen des Lebens an sich, den einsamen Gedanken und Tagträumen, die jeder hat. Es ist ein Ausflug in den Geist eines echten Buchliebhabers und begeisterte Leser werden die eine oder andere Angewohnheit auch bei sich entdecken.
Firmin ist ein beeindruckender Charakter, vielleicht stärker als jeder menschliche Charakter sein könnte, denn er lebt unter und liebt Menschen - während diese in ihm nur eine Ratte sehen und verachten. Dennoch rappelt die kleine Ratte sich immer wieder auf, macht weiter, probiert es nochmal.
Für alle, die wissen, dass das Leben manchmal nicht mehr ist, als die Geschichte in einem Buch.

5 von 5 Punkten - lesen!

Kommentare:

  1. Klingt echt gut! Ich hätte das Buch ja schon ein paar Mal fast gekauft, demnächst wird es wohl soweit sein ;)

    Hm, also "Firmin" ist dann kein nettes Märchen, bei dem die Ratte mal eben sprechen kann? *g* Schade eigentlich, ich mags zwar nicht wenn Pferde oder so sprechen, aber bei Ratten hab ich eigentlich nichts dagegen - komischerweise xDD

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  2. Ich hab es von meiner Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen - sie meinte, das ist das richtige für Lesesüchtige wie mich :)
    Naja...Firmin ist meiner Meinung nach eigentlich nur eine Ratte, weil es seine Persönlichkeit und Konflikte besser widerspiegelt.

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