Sonntag, 28. Februar 2010

[Rezension] Josef Haslinger - Das Vaterspiel

Inhalt (lt. Klappentext):
Rupert Kramer, genannt Ratz, ist der Sohn eines österreichischen Ministers. Er ist 35 Jahre alt und das, was man einen Versager nennt. Nächtelang sitzt Ratz vor dem Computer, um ein abstruses Vatervernichtungsspiel zu entwickeln. Er hasst seinen korrupten sozialdemokratischen Vater, der seine Familie wegen einer jungen Frau verlassen hat. Im November 1999 erhält Ratz einen geheimnisvollen Anruf von Mimi, seiner Jugendliebe. Ratz fliegt nach New York, ohne zu wissen, was ihn erwartet.
Anschaulich und fesselnd erzählt Josef Haslinger vom Schicksal dreier Familien: einer jüdischen Familie, die bei den Massakern der Nazis in Litauen vernichtet wird, der Familie der Täter, die sich nach Amerika retten kann und dort einen grotesken Zusammenhalt bewahrt sowie von Ratz' eigener, sozialdemokratischer Familie, die sich im Wien der neunziger Jahre erbärmlich auflöst. Bestechend genau beleuchtet Haslinger die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts und macht eindringlich spürbar, dass man der Geschichte nicht entkommen kann.

Zum Buch:
Auf dem Weg zum Flieger nach New York, um der Bitte seiner Freundin Mimi zu folgen, lässt Rupert (ehemals Helmut, wie sein Vater) Kramer das Leben seiner gesamten Familie Revue passieren. Im dichten Schneegestöber, das auf den Straßen herrscht, findet Rupert immer wieder etwas, das ihn an ein Detail seiner Familiengeschichte erinnert. So kommt es, dass man bald erfährt, wie sich seine Eltern kennen gelernt haben, was deren Eltern von der Beziehung hielten, wann Rupert und seine Schwester geboren wurden und noch einiges mehr. Auch von den Problemen der Großeltern ist die Rede, von der Karriere des Vaters und sein Aufstieg zum Verkehrsminister.
Man erfährt alle Wichtig- und Nichtigkeiten der Familie Kramer bis zum momentanen Ereignis. Dabei bilden sich schon bald Risse, nicht nur in der schon brenzligen Beziehung der Eltern zu den Großeltern mütterlicherseits, sondern dann auch in der Ehe an sich. Der Vater trennt sich von der Mutter und das Drama beginnt. Ruperts Mutter versteht nicht, weshalb Helmut, ihr Mann, sie für eine jüngere Frau verlässt. Sie lässt nichts unversucht, um die Ehe zu retten. Und als Rupert seine Mutter so leiden sieht, beginnt sich der Hass auf seinen Vater zu entwickeln.
Dass er dann auch noch eine Halbschwester bekommt, scheint die ganze Situation noch schlimmer zu machen. Rupert lebt seine Hassfantasien aus, indem er ein Computerspiel erfindet, in dem sein Vater auf verschiedenste Art und Weise ermordet werden kann. Sein Ziel ist es, das Spiel auf den Markt zu bringen. Die potentiellen Spieler sollen die Köpfe ihrer Väter einscannen und so ihren eigen Rachefeldzug erleben können.
Auch die Ehe der Schwester geht zu Bruch, sie verliebt sich im Urlaub in Singapur und bekommt ein Kind von dem Geliebten. Auch diese Beziehung geht zu Bruch. Rupert selbst scheint Beziehungsunfähig zu sein. Er selbst findet sich unattraktiv und meint, er sähe aus wie eine Ratte.
In Zwischenkapiteln wird eine andere Geschichte erzählt: Das Protokoll von Jonas Shtrom, einem litauischen Juden und ehemaligen KZ-Häftling, wird wiedergegeben. Er berichtet von der Vernichtung seiner Familie, vom Verlust seiner großen Liebe. Davon, wie er überleben konnte und einem Mann, den er als Kind kannte und den er nun belasten will.

Irgendwann, während der Berichte über die Familiengeschichte, kommt Rupert schließlich in New York bei seiner ersten Liebe Mimi an. Und die hat eine ungeheuerliche Aufgabe für ihn: Er soll für ihren Großonkel, einen ehemaligen Nazi, ein Versteck bauen, denn dieser wird verfolgt. Rupert ist schockiert - schließlich war sein eigener Großvater in Dachau inhaftiert - und ohne wirklich zu wissen weshalb, macht Rupert sich an die Arbeit. Er lernt den Mann besser kennen, der Grund für seine Reise nach Amerika war, und bekommt dessen Geschichte zu hören.

Rezeption:
Eine berührende, aufwühlende Geschichte über drei Familien, die enger miteinander verbunden sind, als auf den ersten Blick angenommen. Es ist aber auch die Geschichte dreier zerstörter Familien und die Geschichte von drei gescheiterten Männern.
Die Protokolle des Jonas Shtrom waren so ehrlich, so detailliert und so verstörend, dass sie vollkommen real wirken. Diese Teile waren jene, die mich am meisten aufgewühlt haben. Es ist ein großartiger Roman, der auf die Themen ödipaler Komplex, Scheidung und Holocaust auf einzigartige Art und Weise eingeht. Ein Buch, dass man gelesen haben sollte.

5 von 5 Punkten

Zusatzinformation:
2009 ist "Das Vaterspiel" verfilmt worden. Leider bin ich nicht dazu gekommen, es mir anzusehen - aber jetzt wird erstmal auf die DVD gewartet!

Kommentare:

  1. Normalerweise gehen solche Bücher immer ein wenig an mir vorbei, aber so gelesen klingt es wirklich interessant - außerdem würde es sicherlich passen. Wir müssen demnächst für Deutsch ein Buch lesen und eine Seite davon interpretieren. Ursprünglich hatte ich "Die Geschichte des Herrn Sommer" von Süskind ins Auge gefasst, aber womöglich entscheide ich mich noch einmal um. Danke für die Rezension!

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  2. Die Geschichte von Herrn Sommer :D Die ist süß.
    Also, das Vaterspiel kann ich wirklich nur wärmstens empfehlen! Fantastischer österreichischer Autor und die Aufarbeitung...sehr gelungen!

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  3. Dann sprech ich meine Lehrerin mal ganz dezent darauf an! ;D

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